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OH, mein GOTT

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Madrid, 10. März 2004. Achtelfinal-Rückspiel der Champions League: Real gegen den FC Bayern München. Real ist schwach, Bayern ängstlich. Ein Fehler in der Bayern-Abwehr. Tor durch Zinedine Zidane. 1:0, München ist draußen.

Blind2002 in Glasgow, Endspiel der Champions League: Real Madrid gegen Bayer Leverkusen. 45. Spielminute. Akrobatisch streckt Zidane sein linkes Bein auf Brusthöhe, dreht sich um die eigene Achse und schießt seinen Volley. Hart, präzise – unhaltbar. 2:1. Das Spiel ist entschieden, Leverkusen besiegt


Blind1998 in Paris. Das WM-Finale. Frankreich gegen Brasilien. Zidane gilt nicht als der Kopfballstärkste. Doch diesmal trifft er gleich zweimal per Kopf. Die Franzosen siegen 3:0 – und werden erstmals Weltmeister.

 
BlindGroße Spiele, heißt es, werden von großen Spielern entschieden. Und ganz große Spiele vom allergrößten: Zinedine Zidane, dem zur- zeit besten Spieler der Welt. Dabei ist Zidane keineswegs ein Torjäger. Dafür gibt’s bei Real Madrid Ronaldo und in der französischen Nationalmannschaft Thierry Henry.


BlindZidanes Größe rührt von etwas anderem her – nicht von den spektakulären Einzelaktionen, die einen Diego Maradona unsterblich machten. Unvergessen ist dessen atemberaubendes Dribbling, als er 1986 in Mexiko über den ganzen Platz und an der gesamten englischen Mannschaft vorbeistürmte. Oder seine berüchtigte „Hand Gottes“ – ebenfalls in diesem Spiel. Nein, solche einzelnen Geniestreiche sind es nicht, die Zidane auszeichnen. Der vor 32 Jahren in Marseille geborene Ausnahme-Athlet brilliert anders. Nicht als überragender Solist wie Maradona. Zidane ist keiner fürs Rampenlicht – auch wenn sein Spiel geradezu göttlich wirkt, nicht von dieser Welt.


Blind24. Februar 2004. Champions-League-Hinspiel in München. Die Globetrotter des Fußballs sind in der Stadt. Die Königlichen. Da ist David Beckham, der Popstar. Luis Figo gibt den gegelten, stolzen Matador. Ronaldo bullig wie immer und mit seinem Zahnlückengrinsen. Raúl, der Real-Mustersohn und Anführer. Roberto Carlos, breit wie hoch, mit spiegelblanker Glatze. Und mittendrin, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und leicht gesenkt, steht Zinedine Zidane. Jeden Gruß erwidert er mit fast verlegenem Lächeln. Er strahlt eine merkwürdige Ruhe aus – eine Scheu, die mehr Nähe nicht zulässt, die aber nichts Ängstliches an sich hat. Man spürt eine keineswegs unfreundliche, jedoch äußerst bestimmte Distanz. Da ist etwas. Etwas Mönchisches. Zidanes kurz geschnittener, tonsurhafter Haarkranz macht die platte Assoziation verzeihlich. Ist das Charisma? Kann ein Bettelmönch charismatisch sein?

Eine halbe Stunde später stellt sich die Frage nicht mehr. Die Madrider Spieler kommen zum Aufwärmen auf den Platz. Ganz in Weiß. Das weiße Ballett, das echte. Freies Chaos herrscht, fast kindliche Spiellust. Lässig zelebrieren die „Galaktischen“ ihre technischen Kunstfertigkeiten. Die Bälle fliegen durch die Luft, streichen flach über den Rasen. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, von einem Fuß, einer Brust, einem Kopf weiterbefördert zum nächsten Magneten. Ich wähne mich in einem überdimensionalen Videospiel, so unwirklich perfekt läuft das alles ab.


BlindZinedine Zidane. Die varietéreifen Nummern, die seine Mannschaftskollegen hier zum Besten geben, sind nicht sein Ding. Seine Kunst wirkt viel selbstverständlicher, irgendwie leichter. Schon beim Warmmachen ist sein Auftritt unverwechselbar. Charismatisch. Zidane ist auf seiner Bühne angekommen. Hier gibt er hemmungslos preis, was er ist und was er kann. Von all den Zwängen, die den Spitzenfußball heutzutage umklammern, kündet in den nächsten knapp zwei Stunden nur noch sein ganz selten sich aufhellender, leicht gequälter Gesichtsausdruck. Niemand wird ihn jetzt mit Interviewfragen nerven, nach dem Jahresgehalt von sieben Millionen Euro etwa, nach der weltweit operierenden Vermarktungsmaschine Real Madrid oder gar nach seiner Einschätzung gegnerischer Mannschaften und Spieler.

BlindWer ihn nicht kennt, könnte seine Wortkargheit als Arroganz missverstehen. Dabei traut er sich nur nicht, mehr zu reden als das Notwendigste. Fehlende Allgemeinbildung hat er bei sich konstatiert, aber daraus den Schluss gezogen: „Einfachheit ist der Gipfel der Intelligenz.“ Die verordneten Werbeauftritte – anderen lustvoller Quell für die eigene Wichtigkeit – sind ebenso weit weg wie die zermürbenden Reisen und die leeren Stunden in den immer gleichen Hotels.

BlindLifestyle und Glamour überlässt er anderen. David Beckham lud vor der Weltmeisterschaft in Asien mit seiner Gattin Victoria zu einer Abschiedsparty auf sein schlossartiges Anwesen „Beckingham Palace“. Dresscode: „White and diamonds“. Das ist nicht Zidanes Welt. Er bringt lieber seine beiden älteren Söhne zur Schule und holt sie wieder ab. Wie es hinter seiner Tür aussieht, geht niemanden etwas an. „Ich spiele am liebsten mit meinen Kindern.“ Fertig.

BlindEinige Real-Stars sollen in der Nähe des Trainingszentrums ein Apartment angemietet haben für den kleinen Hunger zwischendurch. Dort hätten sie sich schichtweise mit Madrider Schönheiten vergnügt, heißt es. Zidanes Name fällt in diesem Zusammenhang selbstredend nicht. Er ist verheiratet mit Veronique, einer spanischstämmigen Französin, hübsch, aber in der Öffentlichkeit betont zurückhaltend. Das reicht. Die Zidanes als Stil-Ikonen? Eine absurdere Fehlbesetzung ist kaum denkbar.

Den großen gemeinsamen Auftritt gibt es nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Bei Meisterfeiern des Clubs etwa. Aufregende Anekdoten? Nichts. Während Figo und Roberto Carlos an trainingsfreien Sonntagen zur Formel 1 jetten, sitzt Zidane zu Hause und freut sich auf den Besuch seines besten und ältesten Freundes Malik – von Beruf Müllfahrer in Marseille.

 
Blind„Gut leben ohne das Scheinwerferlicht“, hat er einmal als sein Lebensmotto genannt, ebenso schlicht wie aufschlussreich. Jetzt aber brennt das Flutlicht. Jetzt herrscht nur noch Fußball. Im vergangenen Jahr hatte ich das Glück, das Viertelfinale der Champions League zwischen Real und Manchester United im Bernabeu-Stadion zu kommentieren. Vor allem die erste Halbzeit kam dem, was ich mir unter perfektem Fußball vorstelle, näher als jedes andere Spiel davor und danach. Ich kann mich weder an eines der Tore exakt erinnern noch an bestimmte Situationen. Was mir unvergesslich bleibt, ist eine nicht endende, fließende Bewegung, ist Eleganz, Schwerelosigkeit, das perfekt harmonische Zusammenspiel begnadeter Individualisten. Und mittendrin er.

 
BlindGroße Orchester haben ihre besonderen Tage. Dann klingt das, was sie spielen, irgendwie göttlich. Auch im Bernabeu war Musik. Und das Orchester wurde dirigiert von Zinedine Zidane – freilich ohne Taktstock, nicht mal mit ausgestrecktem Zeigefinger. Zidane führte seine Mannschaft, weil er Spielzüge nicht lediglich initiierte, sondern daran auch immer teilnahm. Weil er sein Genie unterordnete. Weil er nichts tat, um selbst zu glänzen. Jede seiner brillanten Aktionen stand im Dienst des Ganzen. „Mannschaftsdienlich“ nennt man das normalerweise, nur wird das Zidane nicht im Entferntesten gerecht. Bixente Lizarazu, sein Freund und Kollege in der Equipe tricolore, hat es einmal treffender formuliert: „Zinedine lässt jeden Mitspieler besser aussehen, als der wirklich ist. Ich würde alles für ihn tun auf dem Platz, weil ich weiß, dass er auch alles für mich macht.“

 
BlindIn Madrid braucht er die Weltstars nicht besser zu machen. Aber dass sie aufspielen können wie an jenem Abend gegen Manchester, nicht als Ansammlung von Artisten, sondern als Ensemble, dass sie als Team geradezu einen anderen Aggregatszustand erreichen – das macht Zidane zum Größten. Es bringt ihm bei Real alles ein, ob den zähneknirschenden Respekt eines Luis Figo oder die fast kindliche Bewunderung eines David Beckham. Spielmacher, Dirigenten, Träger der 10 – alle hatten und haben noch immer Wasserträger, Spieler, die ihnen den Rücken freihalten. Auch Zidane wird sich stets auf die Hilfe von Ronaldo, Rául und Roberto Carlos verlassen können. Vielleicht sogar noch ein ganzes Stück mehr als andere Weltklassespieler, weil er jeden „Eimer Wasser“, den er auf dem Platz greifen kann, aufnimmt und selbst ein Stück weit trägt. Sein Beispiel dämpft die Allüren bei den Mitspielern. Das gebietet die Achtung voreinander. Selbst nach erzielten Toren ist sein Jubel nicht übermächtig. Seine niemals ekstatische Freude wirkt rein. Mönchisch rein.

BlindZu keiner Zeit entsteht das Gefühl, er genieße die Unterlegenheit, das Missgeschick des Gegners. Im Gegenteil: In Zidanes Spiel ist Bescheidenheit, Demut und Respekt. Selbst wenn er zu seiner Spezialität ansetzt – jener beidfüßigen Pirouette, bei der er, aller Schwerkraft trotzend, über dem Ball zu schweben scheint, ihn dann leicht erst mit links, dann mit rechts streichelnd mitnimmt, sich dabei um die eigene Achse dreht, Raum gewinnt und so gleich mehrere Gegner düpiert –, selbst dann ist sein Spiel nie Selbstzweck, nicht Demonstration eigener Überlegenheit um ihrer selbst willen. Niemand soll verächtlich gemacht werden. Es muss sein, weil es die Situation so fordert und weil es das einzig probate Mittel ist, um das Spiel der eigenen Mannschaft voranzubringen. „Wenn irgendwo auf der Welt ein Junge sagte: ,Ich möchte sein wie Zidane‘ – ich wäre glücklich. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ Mehr Eitelkeit gestattet sich der Sohn algerischer Eltern nicht.

Manchmal nur, ganz selten, alle paar Monate vielleicht, da taugt Zinedine Zidane nicht als leuchtendes Beispiel. Dann haben ihm wieder einmal zu viele Gegenspieler den Respekt verweigert. Zu viele haben seine Kunst nicht geschätzt oder sie wenigstens mit sauberen Mitteln zu unterbinden versucht. Zu oft haben sie rüde zugetreten, ihn getroffen, Schmerzen verursacht. Zu oft hat er vorsichtig leidend hochgeguckt wie immer, weil ihn der Schiedsrichter nicht geschützt hatte. Sein Gesicht bittet gleichsam um Verzeihung, und dann tritt er selbst zu. Zuweilen rutscht ihm die Hand aus.Die zwangsläufige rote Karte nimmt er ungerührt zur Kenntnis. Hat er jemals lautstark protestiert oder mit dem Referee palavert? Nein, Zidane macht sich ungebeugt vom Feld – mit sich im Reinen.

 
BlindBei der WM in Asien vor zwei Jahren fehlte er verletzt. Frankreich machte sich – obwohl Favorit – lächerlich. Mit Real Madrid hat er weder in der vergangenen noch in dieser Saison die Champions League gewonnen. Dabei schien das doch vorbestimmt. An Zidane lag das aber nicht. Er ist heute vielleicht stärker als je zuvor. Er ist noch immer hungrig, sehr hungrig nach Erfolg. Wie zu Beginn seiner Karriere, nur reifer, seiner Fähigkeiten noch sicherer.

 
BlindJetzt ist Europameisterschaft. Dann werden große Spiele wieder von großen Spielern entschieden. Das Finale findet am 4. Juli in Lissabon statt.


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>> Marcel Reif, Fußballreporter bei Premiere Er ist „der mit einsamem Abstand beste deutsche Fußballreporter“. Das schrieb die Grimme-Preis-Jury, die Marcel Reif 2003 auszeichnete. Seine Arbeit vollziehe der 54-Jährige „unter Verzicht auf all jene Floskeln, die so viele Phrasendrescher beim Fußball benutzen“. Nur eine Floskel gestattet sich Reif: „Fußballgott“. Wenn er über Zinedine Zidane spricht.

 

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