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Herr über den Rhythmus des Spiels

Es bleiben nur noch wenige Gelegenheiten, den mannschaftsdienlichsten Solisten in der Geschichte des Fußballs zu bestaunen. Zinedine Zidane sagt adieu

99mal trug Zinedine Zidane bisher das Trikot der französischen Nationalmannschaft

 

99mal trug Zinedine Zidane bisher das Trikot der französischen Nationalmannschaft
Foto: dpa

 

Er versuchte zu lächeln. Es blieb bei einem schüchternen Versuch. Zu sehr litt er selbst unter der Konsequenz seiner Worte, die viele erwartet hatten, aber niemand hören wollte. "Ich bin nicht frustriert, sondern einfach realistisch. Ich höre auf mit Fußball auf hohem Niveau, weil mein Körper mir das sagt und mein Kopf auch. Man darf sich nicht beschummeln", flüsterte Zinedine Zidane mit leicht gesenktem Haupt. Leise sagte "Zizou" adieu.

Rückblick, 15. Januar 2006: An jenem naßkalten Winterabend in Madrid nimmt der Spieler mit der Nummer Fünf auf dem Rücken und dem kahlen Kreis auf dem Kopf von der ersten Minute an seine verunsicherten Kollegen an die Hand. Er kommt dem überforderten Thomas Gravesen zu Hilfe, wann immer es geht. Guti macht er zu seinem Assistenten, David Beckham ebenfalls. Und er selbst vollführt im Blickkegel der 70 000 Zuschauer im Estadio Santiago Bernabèu mit seinem treusten Gefährten, dem Ball, virtuose Fußballkunststücke, die er immer wieder mit effizienten Schlußsequenzen krönt. Zidane, 33, führt Real Madrid zu einem 4:2 über den FC Sevilla. Er erzielt drei Tore, das vierte bereitet er vor.

Am Morgen danach bittet die Elite des spanischen Sportjournalismus in schriftlicher Form um Vergebung. Sie tut Buße. So wie Juanma Trueba, Chefreporter der Sportzeitung "AS". Er schreibt: "Wenn sein enormes Talent wiederaufersteht, mit seiner Fähigkeit, alle Mitspieler zu inspirieren, ist es schwierig, sich nicht schuldig zu fühlen, ihn totgesagt zu haben. Persönlich befallen mich schon fast kindliche Gewissensbisse, als ob ich blasphemisch gewesen wäre. Es gibt andere Stars bei Madrid, aber der einzige, der unersetzbar sein wird, ist Zidane. Ich werde es tausend Mal auf die Tafel in meinem kleinen Hirn schreiben."

Allerdings konnte der Franzose diesem Gala-Auftritt in den vergangenen Wochen keinen weiteren hinzufügen. Er spielte gut, aber nicht so, daß es seinem schärfsten Kritiker genügt. Und weil er das immer selbst war, entschloß er sich nun dazu, seinen Rücktritt bekanntzugeben. "Wenn es gutgeht, habe ich noch zehn Spiele." Drei in der Primera Division, sieben mit der französischen Nationalelf bei der WM in Deutschland. Dafür muß die "Equipe Tricolore" aber mindestens das Halbfinale erreichen.

Es bleiben den Fußballiebhabern also höchstens zehn Gelegenheiten, den mannschaftsdienlichsten Solisten in der Geschichte des Fußballs noch einmal zu bestaunen. Nur noch zehn Mal "ZZ Top" oder "Zizou", die "weiße Katze" - eine Vorstellung, die traurig macht.

Es war und bleibt faszinierend, wie er mit seinem Denken das Ereignis bestimmte. Er konnte wie kein anderer Wendungen herbeiführen und sich aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien. Eben, weil er sich dort, wo der Gedanke auf die Materie trifft, an der Nahtstelle zwischen Psyche und Physis, also beim Gefühl für Raum und Ball, Perfektion erarbeitet hatte. Ein Foul an ihm wirkt noch heute wie die Schändung eines Kunstwerkes.

Es war aber keine L'art pour l'art, die er ausstellte. Die außerordentlichen Fähigkeiten dienten nie zum Selbstzweck. Geradezu demütig stellte er seine Fähigkeiten stets in den Dienst seines Teams. Seine daraus resultierende Anmut als Spielmacher und seine befremdliche Wut, die aus ihm brach, als er vollstreckte, werden dem Spiel fehlen.

"Es ist bei ihm wie bei einer Synkope in der Musik. Abläufe werden vorgezogen, Ballannahme und Weiterverarbeitung geschehen nahezu gleichzeitig", begeistert sich Urs Siegenthaler, der Schweizer Chefscout der deutschen Nationalmannschaft. "Viele Spieler gehen in ein Dribbling aus Verlegenheit, weil sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Bei Zidane ist das anders. Er hat Macht über den Rhythmus des Spiels, weil er genau weiß, was danach geschehen soll."

Oft nutzte Zidane einen gewonnenen Zweikampf auch wie eine Tür zum nächsten Freiraum. Dort angekommen wirkte er manchmal wie ein Autist, der das Spieltempo auf Zeitlupe reduziert. Hier konnte er für wenige Augenblicke wieder "Yazid" sein, der Sohn einer maghrebinischen Einwandererfamilie, der auf den Straßen und Plätzen des Marseiller Vororts Le Castellane allein mit seinem besten Freund, dem Ball, zu träumen beginnt - fernab von der Gewalt des Spiels und des Lebens.

Aber als Kind, das in einem von Konflikten beladenen Viertel aufwächst, hatte er auch gelernt, daß spätestens beim nächsten Gegenspieler die Realität beginnt. Er konnte sich gar nicht in Schönheit verlieren. Und wollte es auch nicht. Denn nur in der Auseinandersetzung mit einem Kontrahenten konnte er bei seinem melancholischen Streben nach Respekt und Aufstieg erfolgreich sein.

Irgendwie spürte er, daß er diese Interaktion mit dem Widersacher braucht, der ihn mit allen Mitteln stoppen will, um als Genius wahrgenommen zu werden. Folglich sind Szenen in seiner Karriere, in denen er demütigt, vorführt, betrügt oder Schadenfreude zeigt, äußerst rar.

Es dürfte weniger dem Charakter als vielmehr dem jeweiligen Zeitgeist und den persönlichen Umständen geschuldet sein, daß in dieser Hinsicht ein Vergleich mit seinem Vorgänger und seinem Nachfolger in der Rubrik "Bester Spieler seiner Generation" nahezu unmöglich ist. Maradonas Spiel war Krieg, ein Martyrium. Der Argentinier wollte leiden. Wie besessen und wie ein mit allen Finessen und Waffen ausgestatteter Rambo stürzte er sich in dornige Abwehrreihen des Gegners - um sein Volk, aber in erster Linie sich selbst zu befreien. Ronaldinhos Spiel wiederum ist unreflektierte Unterhaltung, der Brasilianer personifiziert die Spaßgesellschaft auf dem Fußballplatz. Zidane war irgendwo dazwischen, einfach nur sympathisch und brillant. Allez, Zizou, verführ' uns ein letztes Mal mit deiner Kunst. Verleih dem Zauber dein Gesicht. Markus Lotter

 

 

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