Elf Minuten Zidane
SPIEGEL ONLINE - 10. Juni 2004, 11:57
Von einem Interview mit Zinedine Zidane träumt jeder Sportjournalist. Ein
Gespräch unter vier Augen mit "Zizou", dem besten Fußballer der Welt.
SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner hat es geschafft und bekam eine Audienz beim
französischen Magier. Drei Monate Arbeit für aufregende elf Minuten.
Dies ist die Geschichte einer wahren Begebenheit, einer wirklichen Begegnung.
Man muss das doppelt unterstreichen, weil so viele davon träumen, Zinedine
Zidane in irgendeiner Form "persönlich" getroffen zu haben. Die Zeitungen sind
voll davon, gerade jetzt, zu Beginn der EM. Die Artikel sagen, irgendwie: Zidane
hat mir dies gesagt, Zidane hat mir das gesagt. Aber die Kollegen saßen meistens
in Gruppen zu 150 oder 300 Leuten in eng gestellten Stuhlreihen und schrien
Fragen in Richtung Zidane. Es ist verdammt schwer, so einen zu treffen.
Die Geschichte dieser Begegnung beginnt schon vor Monaten. Sie führt in die
Pressestellen großer Konzerne, zu PR-Managern von adidas oder Ford, zu
"virtuellen Pressezentren" von Volvic und Danone, sie führt zu den Pressestäben
von Real Madrid, zu den Öffentlichkeitsarbeitern des Französischen
Fußballverbands und des Weltverbands Fifa. Es gehen Faxe hin und her, viele, es
werden E-Mails getauscht, sehr viele, es wird erörtert, wie ein Treffen, ein
Interview mit Zinedine, Zizou, Zidane organisiert werden könnte.
Hat Zidane vielleicht einen Joghurt-Foto-Termin, bei dem man ihn treffen könnte?
Werden irgendwo neue Fußballschuhe vorgestellt, ein neuer Ball, ein neues Logo?
Finden Aufnahmen statt für neue Mineralwasser-Clips? Könnte man ihn beim
Shooting für die Supermarktkette Carrefour für ein paar Fragen bekommen? Oder
klappt es nach dem Training in Madrid? Vor dem Training mit der französischen
Nationalelf?
"Wird schon klappen. Leben Sie wohl"
Alle Wege zu Zidane führen irgendwann zu Alain Migliaccio. Das ist eine Stimme
auf einem Anrufbeantworter, die auf Französisch und auf Spanisch sagt, dass
Alain Migliaccio nicht erreichbar ist. Migliaccio ist eine Art Manager von
Zidane. Er hat Zugang. Zidane vertraut ihm. Man kann ihm Faxe schicken, mit der
Bitte um Audienz. Man kann viele Nachrichten auf dem Anrufbeantworter
hinterlassen. Dann, es ist wie ein Schock, ist er am Apparat.
"Monsieur? Alain Migliaccio hier. Also, nächste Woche, beim Trainingslager der
Franzosen in Clairefontaine." - "Oh, das ist schön! Wann ist der Termin?" - "Es
gibt keinen Termin. Sie werden ihn dort schon irgendwie kriegen." - "Aber weiß
er denn überhaupt, dass ich komme?" - "Naja, wird schon klappen...leben Sie
wohl."
Es ist der Mittwoch vor der Abreise zur EM. Die französische Nationalmannschaft
trainiert auf einem schönen Nebenplatz in Frankreichs nationaler Fußballschule
Clairefontaine. Sie trainieren Kraft und Schnelligkeit ohne Ball. Sprints, immer
wieder, Slalomlaufen. Sie sind, aus der Nähe gesehen, fast alle übermenschlich
schnell. Henry. Thuram. Makelele. Wiltord.
Gegen Mittag endet die Übung. Die Spieler, auch Zidane, verlassen den Platz, sie
gehen unter die Dusche. Die Journalisten, die am Spielfeldrand lungerten, gehen
in ein für sie aufgebautes weißes Zelt, in dem Tapeziertische mit Wasserflaschen
und Kaffeekannen stehen. Das Zelt überdacht 40 mal 20 Meter Grund, es füllt sich
mit Kamerateams, Fotografen, Schreibern. Alle wollen Zidane sehen, Zidane
sprechen. Es wird beide Ellenbogen brauchen.
Spieler kommen, Thuram, Desailly. Der Pressechef der Nationalmannschaft führt
sie herum wie Trophäen. Er hat einen Block in der Hand, auf dem Kritzeleien
stehen. Immer wenn ein Spieler kommt, blättert er und führt sie dann zu "Canal
plus" oder zu den Leuten von "L'Equipe" oder zu anderen Spezis. Mit dem SPIEGEL
will er gar nicht erst reden. "Ach, wissen Sie, hier haben 500 Leute ein
Rendez-vous mit Zidane. Wenn Sie auch eins haben, schön für Sie. Dann wird er ja
gleich kommen und mit Ihnen reden."
Er kommt. Er wird zu Canal plus geführt. Er wird zu einem Pulk Radio-Reportern
geführt. Er wird in einen langgestreckten Raum geführt, wo 60, 70 Schreiber auf
Stapelstühlen warten. Sie stellen Fragen danach, wie es in Madrid läuft ("Gut").
Was er vom französischen Gegner England hält ("Stark"). Ob es komisch sein wird,
gegen seinen Team-Kameraden Beckham anzutreten ("Nein"). Zidane langweilt sich.
Er gibt kurze Antworten. Er lächelt.
Er verzaubert Gegenspieler und Gesprächspartner
Dann steht er auf. Jetzt oder nie. Auf dem Weg aus dem Raum, ins große Zelt,
spreche ich ihn an. Aber wie? Zizou? Monsieur Zidane? Zinedine? Ich spreche ihn
gar nicht mit Namen an. Ich sage: "Entschuldigen Sie, ich habe mit Alain
Migliaccio gesprochen. Er sagt, dass wir einen Interviewtermin haben." Zidane
ist während meiner Ansprache schnell weitergegangen, gehetzt, ich bin ja nur
einer von 500. Aber nun bleibt er stehen. "Der Deutsche, ja. Gut, wie spät ist
es? Also los, eine Viertelstunde."
Wir setzen uns in eine Nische, allein, abgeschirmt durch Stellwände, ein
schmaler Tisch zwischen uns. Wir reden unter vier Augen. Meine Fragen richten
sich nicht aufs Aktuelle. Sie gehören zu einem Porträt. Ich will wissen, wie er
seine Kindheit in Marseille erlebt hat. Wie wichtig der steinige Platz war, auf
dem er als Kind Fußball spielte. Zidane stimmt zu. Der Platz erkläre viel. Aber
nicht alles, sagt er. Die Jahre später, bei Cannes, bei Bordeaux, bei Turin,
hätten ihn als Spieler erst geformt. Aber die Spielfreude, das Eigentliche, das
Wichtige, das habe er als Kind begriffen, in Marseille, in der Betonvorstadt,
aus der er stammt.
"Sie sind schon oft mit einem Mönch verglichen worden. Ist es nicht so, dass Sie
in Cannes, auf dem Fußballinternat, fern von Freunden und Familie, wirklich wie
im Kloster gelebt haben?" - "Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Es stimmt
schon, ich war jung, von zu Hause weg, ich habe viel gearbeitet dort. Aber wir
hatten auch eine gute Gemeinschaft in Cannes. Ich fühlte mich nicht so isoliert
wie das klingt, wenn man Mönch sagt oder Kloster."
Seine Ausstrahlung ist noch stärker, als man es sich vorstellt. Es geht eine
Milde von ihm aus, eine Freundlichkeit, die noch die schönsten Klischees von ihm
übersteigen. Wer vor einem Gespräch mit Zidane schon meinte, er sei ein netter
Kerl, ist nach einem Gespräch davon überzeugt: Er ist ein guter Mensch.
Freundlich. Interessiert. Zugewandt. Höflich. Er verzaubert jeden, Gegenspieler
oder Gesprächspartner. Schlecht rasiert, wie er da sitzt, im Trainingsanzug, ein
moderner Held.
"Sie sind in diesem Jahr zum beliebtesten Franzosen gewählt worden. Wie fühlt
sich das an für Sie?" - "Es ist eine große Ehre, aber auch eine schwere
Verantwortung." - "Ist es nicht sogar eine Last? Man hat oft das Gefühl, dass
Sie unter dem Ruhm leiden." - "Leiden ist zu viel gesagt. Aber es ist wirklich
oft sehr schwer. Nur - beklagen darüber kann ich mich nicht. Das große Interesse
ist ja eine Folge meines Talents, meines Spiels. Die Leute haben Anspruch
darauf, dass ich etwas von dem zurückgebe, was mir geschenkt worden ist."
Zidane spricht ernst, ehrlich, offen. Nach elf Minuten kommt der Pressechef mit
dem Schreibblock um die Ecke. Wir müssen Schluss machen. Wir stehen auf. Wir
geben uns die Hand und gehen ins große Zelt. Die Kollegen sehen mich an, als
käme ich vom Mars. Das ist, nach drei Monaten Arbeit an einem
Elf-Minuten-Interview, ein sehr gutes, exklusives Gefühl.