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Der Knabe aus La Castellane

«Der mit dem Ball tanzt» – Biografie von Zinédine Zidane

Für Zinédine Zidane ist jener Traum in Erfüllung gegangen, den viele Kinder mittelloser Eltern haben: In einem der ärmsten Viertel Marseilles aufgewachsen, wurde aus dem Strassenfussballer ein Weltmeister. Nun ist seine Biografie in deutscher Sprache erschienen.

Zidane und seine Frau bei Chirac. / key

 

Am 12. Juli 1998 feierte Frankreich den grössten sportlichen Erfolg in seiner Geschichte. Die Fussball-Nationalmannschaft gewann im eigenen Land den WM-Titel, im Final wurde Brasilien 3:0 geschlagen. Im Zentrum des Interesses stand – nicht nur an diesem Abend – Zinédine Zidane, der Regisseur der Blauen, der zweifache Final-Torschütze, der begabteste Spieler seiner Zeit, das Immigrantenkind aus La Castellane, dem ebenso armen wie multikulturellen Viertel im Norden von Marseille.

Ein Jahr darauf traf sich der Weltmeister mit dem Schriftsteller Dan Franck. Aus der Begegnung des studierten Soziologen mit dem professionellen Sportler ist ein Werk entstanden, welches die facettenreiche Persönlichkeit Zidanes beleuchtet, die Ursachen der Stärken und Schwächen des dreifachen Weltfussballers aufdeckt und dabei den Weg zeigt, welchen der Sohn eines Supermarkt-Wachmanns bis zu seinem grossen Auftritt im Stade de France zurückgelegt hat. Nicht allumfassend, sondern häppchenweise, mit viel Gespür und Liebe zum Detail. Seit diesem Jahr ist die 1999 gedruckte Biografie auch in deutscher Sprache erhältlich.

«Waren wir viele, gingen wir auf den betonierten Place Tartane. Wir stellten Eimer auf, um die Linien zu markieren. Die Tore waren aus Steinen, Kleidung, irgendetwas . . . Alles, was ich über Fussball gelernt habe, stammt aus dieser Zeit, von der Strasse.»

Yazid, wie Zinédine von Familie und Freunden genannt wird, mag die Schule nicht; teilnahmslos besucht er den Unterricht. Seine Gedanken kreisen um den Ball. Mit seinen Weggefährten – die meisten wie er Maghrebiner – kreiert er Tricks. Auf dem Spielfeld agiert er selbstbewusst, daneben ist er ein Mitläufer. Als Zehnjähriger tritt er erstmals einem Verein bei, vier Jahre später wird er vom Talentsucher Jean Varraud zum Erstligisten Cannes geholt.

«Weil wir nicht zu siebt an den kleinen Tisch passten, wechselten wir uns ab. Mein Vater ass immer als Letzter. Meine Mutter ass ebenfalls als Letzte. Meine Brüder und meine Schwester zuerst. Ich mit meinem Vater.»

Yazids Vater Smaïl, 1953 von Boukhelifa in Algerien auf der Suche nach einem besseren Leben nach Frankreich gezogen, ist für den jüngsten Spross die wichtigste Person seiner Kindheit. Spricht Letzterer über seinen Vater, ist die Verehrung spürbar. Er bewundert das ruhige Wesen, die Geduld, die Smaïl eigen ist; er erinnert sich an die Einsatzbereitschaft («es gab nur einen freien Tag in der Woche), die sein Vater an den Tag legte, um den Nachwuchs zu ernähren. Die Familie, zu der neben Smaïl Mutter Malika, Schwester Lila sowie die Brüder Farid, Nordine und Djamel gehören, ist für Yazid von grosser Bedeutung.

«Ich tat nicht den ersten Schritt, sondern lebte ganz allein in meiner Welt. Ich war noch viel schüchterner als heute, wusste nicht, wie ich mit Mädchen umgehen sollte. Gefiel mir eine, brachte ich keinen Satz heraus. Ein Mädchen anzusprechen, war der Horror für mich. Vielleicht mochte Véronique gerade das an mir.»

1991 spielt Zinédine längst für Cannes in der höchsten Spielklasse. Er lebt im Wohnheim des Ausbildungszentrums für junge Sportler aus der Provence, hat ein Einzelzimmer, geht kaum aus, lebt für sich und den Fussball. Im gleichen Heim wohnt die angehende Tänzerin Véronique. Sie begegnen sich täglich, gehen anderthalb Jahre lang wortlos aneinander vorbei, ehe sie sich richtig kennen und lieben lernen. 1992 bricht sie ihre Ausbildung ab, geht mit ihm nach Bordeaux. Der dortige Trainer Rolland Courbis verpasst ihm den Kosenamen Zizou. Im Mai 1994 heiraten Véronique und Zinédine, zwei Monate später debütiert er im französischen Nationalteam. 1995 wird Sohn Enzo geboren – benannt nach dem Uruguayer Enzo Francescoli, einst Regisseur von Olympique Marseille, Yazids Idol vergangener Tage.

«Ich verabscheue Ungerechtigkeiten und Brutalität. Ich stecke eine Unmenge Schläge ein, ohne etwas zu sagen. Aber irgendwann kommt der Moment, wo ich mich nicht mehr zurückhalten kann: Ich lehne mich auf, explodiere, es ist stärker als ich. Ich komme aus einem harten Viertel. Dort wollte ich niemals den Streit, aber wenn man dich provoziert, kannst du nicht alles mit dir machen lassen.»

Donnerstag, 18. Juni 1998. Zizou wird in der zweiten WM-Vorrundenpartie der Franzosen gegen Saudi-Arabien in der 70. Minute vom Platz gestellt, nachdem er sich beim gegnerischen Captain Fuad Amin mit einem Tritt in die Hüfte für ein Foul revanchiert hat. Er zieht sich zurück, fast wortlos, macht sich Vorwürfe und nimmt den 4:0-Sieg über die Araber kaum wahr. Er weiss, dass er erst im Viertelfinal wieder dabei sein darf – sofern seine Kollegen diesen überhaupt erreichen.

«Erst auf den Champs-Elysées» habe ich wirklich realisiert, wie wichtig das war, was wir taten. Eine Million Menschen. Die Leute waren so glücklich! Verrückt vor lauter Freude! Sie dachten nicht im Traum daran, auf die Herkunft ihres Nachbarn zu achten.»

Zwei Tage vor dem Nationalfeiertag, befindet sich Frankreich in Trance. «Les Bleus» haben es geschafft, Brasilien ist im Final chancenlos geblieben. Am 14. Juli sind Spieler und Trainer mit ihren Partnerinnen im Elysée-Palast bei Staatspräsident Jacques Chirac zu Gast. Im Zentrum steht einer, der auch mit 26 Jahren nicht besonders gern dort steht: Zinédine Zidane, Yazid, der Knabe aus La Castellane.

 

 

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