"Der Ball hat Spaß an Zinedine Zidanes
Fuß"
Die Stars der Fußball-Weltmeisterschaften, Teil 16: Frankreich holt 1998 im
eigenen Land den Titel - dank dem Ausnahmefußballer
Bei der WM 1998 in Frankreich spielen die Deutschen so, dass das ZDF erstmals
einen Kabarettisten mitnimmt. Mysteriöse Dinge passieren vor dem Finale: Der
Brasilianer Ronaldo kommt aus dem Krankenhaus und kickt wie abwesend - während
der Franzose Zinedine Zidane zaubert und hext.
Von Oskar Beck
Wer an Spuk und Geister nicht glaubt, sollte an dieser Stelle sicherheitshalber
gleich weiterblättern - denn die Geschichte der Weltmeisterschaft 1998 ist nicht
zu erzählen ohne ein gelegentliches Abgleiten in ein undurchschaubares Dickicht
aus Hexerei, Voodoo und schwarzer Magie.
Adama Kone gehört dazu. Er ist Kunstlehrer im afrikanischen Mali, aber auch
weithin anerkannt als Medizinmann, und in einem Interview mit einer englischen
Zeitung hat er ein Geheimnis gelüftet, das den überraschen-den Ausgang jener WM
besser begreifbar macht - demnach hat ein mit magischen Gaben ausgestatteter
Landsmann namens Aguib Sosso den Ausschlag gegeben.
Besagter Sosso habe vor der WM mit den französischen Spielern gearbeitet und
ihnen "kleine Armbändchen gemacht, die böse Geister vertreiben" - und
tatsächlich zeigen Fotos von damals bunte, dünne Stoffbänder am Handgelenk
diverser WM-Helden der Equipe tricolore: Der Kapitän Didier Deschamps trägt ein
rotes, Marcel Desailly ein blaues - und Zinedine Zidane ist gleich beidarmig
gewappnet, links rot, rechts gelb.
Doch damit nicht genug. Sosso, behauptet Meister Kone, habe ihm auch noch
erzählt, "dass er einen brasilianischen Spieler für den Tag des Finales mit
einem Fluch belegt hat". Es kann sich dabei nur um den rätselhaften Anfall von
Ronaldo handeln. Doch reden wir erst über die Realität - die Zaubereien Zidanes.
Er ist der wahre Hexer der WM 1998.
Wenn der geniale Franzose den Ball führt, schnellt der wie beim Jojo ständig an
seinen Fuß zurück, wie an einen Magnet. Manchmal zieht sich Zidane die Kugel
rückwärts unter der Sohle durch, kickt sie sich mit der Hacke gegen den anderen
Schuh - und spielt sie Dugarry, Djorkaeff oder Henry in den Lauf. Zidane tanzt
mit dem Ball, und dem Ball gefällt, was Zidane mit ihm tut. Der Ball gehorcht
ihm - es ist, wie wenn eine Miezekatze mit einem Stoffballen tollt. "Zizou",
sagen die Fans zu Zidane. Zizou, die weiße Katze. "Der Ball hat Spaß an Zidanes
Fuß", sagt der WM-Besucher Franz Beckenbauer und schnalzt mit der Zunge. Man
kommt höchstens mit der Hälfte von so viel Talent auf die Welt. Die andere
Hälfte muss man sich erarbeiten, und am besten gelingt dies dort, wo die
Lebensläufe vieler großer Fußballer anfangen: in den Elendsquartieren von Rio
oder Buenos Aires - oder in einem düsteren Hinterhof von Marseille.
Dort, im Problemviertel La Castellane, wird Zinedine Yazid Zidane am 23. Juni
1972 als Sohn algerischer Einwanderer geboren. Dort wächst er auf. Dort lernt er
das, was nur Straßenfußballer lernen. Dort wird er, als er 14 ist, von
Talentspähern des AS Cannes entdeckt. Sie stecken ihn in ihr Fußballinternat.
Mit 16 spielt er in der ersten Liga. Girondins Bordeaux holt ihn. Dann Juventus
Turin. Und plötzlich, bei der WM 1998, schnalzt die ganze Welt mit der Zunge.
Zidane ist der Maestro der Finten und Haken, der Beinschüsse und Hackentricks.
Es ist eine Lust, ihm zuzuschauen, sein Spiel ist voll prickelnder Fantasie,
jeder Ballkontakt eine Liebeserklärung - wenn er in einen rasanten Konter einen
Hüftschwung einbaut à la Marilyn Monroe in "Manche mögen"s heiß", ist das fast
noch erotischer als die feurigen Küsse, die der Abwehrchef Laurent Blanc im
Ritual vor dem Anpfiff auf der Glatze von Torwart Fabien Barthez platziert.
"Wenn ich Zidane sehe", schwärmt der Schöngeist Günter Netzer, "verklärt sich
mein Gesicht." Netzer ist bei dieser WM der beste Deutsche - als Experte der
ARD. Was er sagt, hat Hand und Fuß, und alle bedauern, dass der Exkönig vom
Bökelberg auf Grund des nagenden Zahns der Zeit und der Altersschrumpfung
("Meine Schuhgröße ist von 47 auf 45 zurückgegangen") für ein Comeback nicht
mehr in Frage kommt.
Für Deutschland ist es keine gute WM. Vor dem 2:2 gegen Jugoslawien in Lens wird
der Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans halb tot geschlagen, sportlich
wühlt, köpft und schwitzt sich die Truppe von Bundestrainer Berti Vogts derart
durchs Turnier, dass ein Wiener Schmähblatt spottet: "Der deutsche Fußball ist
die Reduktion des Kicks auf den Zweikampf." Noch viel bitterer ist das sich
abzeichnende Ende der Illusion, dass Herz, Kampf und Kopfball genügen könnten,
um das Defizit an Kreativität und Fantasie auszugleichen. Das ZDF beschäftigt,
um diesem wachsenden Problem Herr zu werden, für die Dauer der WM erstmals einen
Kabarettisten. "Mit verbundenen Augen haben wir solche Gegner früher
geschlagen", jammert Dieter Nuhr, "gar nicht ins Stadion sind wir gefahren,
telefonisch haben wir sie besiegt, und als es noch kein Telefon gab, haben wir
unsere Spielzüge per Brieftaube geschickt - und zweistellig gewonnen."
Dass die deutsche Mannschaft überhaupt noch gewinnt, verdankt sie Jürgen
Klinsmann, der gegen die USA (2:0), die Iraner (2:0) und im Achtelfinale gegen
Mexiko (2:1) seine WM-Tore neun, zehn und elf macht und sich zum zweitbesten
Schützen in der deutschen WM-Geschichte hinter Gerd Müller (14) hochschießt. Ein
paar Tage später bleibt allerdings nur noch die Torschlusspanik. Wörns fällt
beim 0:3 gegen Kroatien den WM-Schützenkönig Davor Suker, fliegt vom Platz - und
die deutsche Mannschaft nach Hause. Eher schwach ist der Trost, dass auch
Mitfavoriten wie die Spanier oder die Engländer, denen selbst ein
atemberaubendes Solo des 17-jährigen Michael Owen gegen Argentinien nicht hilft,
schon früh "au revoir" sagen.
Auch die Gastgeber überstehen das Achtelfinale gegen Paraguay nur mit
Verlängerung und Dusel, das Viertelfinale gegen Italien erst dank des
Elfmeterschießens - und das Halbfinale gegen Kroatien womöglich nur, weil der
Verteidiger Liliam Thuram statt eines dürren Armbändchens sicherheitshalber
einen robusten, schillernden Reif am Handgelenk trägt. Normalerweise schießt
Thuram nie ein Tor - an dem Tag schießt er beim 2:1 beide. Der Gipfel der
Hexerei ist allerdings das Finale.
Paris, 12. Juli 1998. Das Stade de France ist gefüllt mit 75 000
leidenschaftlichen Fans. Zum dritten Mal hat die Grande Nation eine Mannschaft,
die das Zeug zum Weltmeister hat. Die erste war die um Raymond Kopa und Just
Fontaine anno 1958, doch der 17-jährige Wunderknabe Pelé war mit den
Brasilianern damals dagegen. Die zweite war die um Michael Platini - doch in den
Halbfinals 1982 und 1986 platzte gegen die Deutschen zweimal der Traum.
"Diesmal", sagt Platini, inzwischen OK-Chef, "schaffen wir es." Doch Favorit
sind die Brasilianer. Sie haben im Halbfinale die starken Holländer aus dem Weg
geräumt, und sie haben solche Kanonen, dass Trainer Mario Zagallo auf die Frage,
warum er den Bayernstar Giovane Elber nicht nominiert hat, im ZDF-Sportstudio
verrät: "Ich habe in Brasilien 17 Stürmer, die besser sind, was soll ich mit
ihm?"
Vor allem hat er Ronaldo. Der ist 22, wird bestaunt wie ein Stürmer von einem
anderen Stern - und seinen vier WM-Toren, wettet jeder, wird er im Finale
weitere folgen lassen. "Er ist der Beste auf der Welt", sagt Pelé. Doch kurz vor
dem Anpfiff steht der Weltbeste gar nicht auf dem Spielberichtsbogen. Ein paar
Stunden vor dem Spiel ist Ronaldo mit einem mysteriösen Anfall in ein Pariser
Krankenhaus eingeliefert worden, streckenweise bewusstlos.
Augenzeugen berichten von minutenlangen Zuckungen. "Probleme mit der Freundin
und mit Tabletten" nennt der englische Buchautor Wensley Clarkson später als
Ursache - jedenfalls ist Ronaldo in einer spielunfähigen Verfassung. Doch auf
Grund eines Machtworts von Verbandspräsident Ricardo Teixeira (mit dem sich
hinterher ein Untersuchungsausschuss des brasilianischen Parlaments befassen
wird) läuft er im letzten Moment doch mit ein - auf Drängen von Sponsor Nike?
"Es wird viel Unsinn erzählt", sagt Ronaldo später. Er wirkt im Finale
lethargisch, wie abwesend. Carlos Dunga, der Kommandeur in der Tiefe des Raumes,
sucht ihn als Anspielpunkt - und findet ihn nicht.
Umso besser findet Didier Deschamps, der Dunga der Franzosen, seinen
verlängerten Arm in der Offensive: Zidane. Große Spieler entscheiden große
Spiele - und Zinedine Zidane krönt sich an diesem Tag selbst. Dass ihn später
für die Rekordsumme von 70 Millionen Euro Real Madrid verpflichten wird, hat
Sinn: Der Franzose erinnert in seiner Perfektion als Alleskönner an Alfredo di
Stefano, den legendären Real-König.
Zidane zeigt, dass er das komplette Kunstwerk eines Fußballers ist: Er ist
Denker und Lenker, Stratege und Akrobat, er scheut keinen Zweikampf, stellt
seine Kunst in den Dienst des Ganzen - und als zwei Eckbälle vors Tor der
Brasilianer fliegen, hält er auch noch den Kopf hin. 1:0 Zidane. 2:0 Zidane.
Als Petit das 3:0 folgen lässt, haben sich die Brasilianer längst ihrem
Schicksal ergeben - aber vor allem diesem Hexer Zidane, der notfalls auf seiner
Glatze Locken dreht. Er wird danach zum teuersten Fußballer aller Zeiten und
dreimal zum Weltfußballer des Jahres gewählt - und unter den Medizinmännern in
Mali kursieren seither wilde Geschichten von mysteriösen Armbändern und dem
Kraftquell sprudelnder Kräuterbäder.
Denn die soll der Hexenmeister Sosso für den Zauberer Zidane damals auch noch
zubereitet haben - wer hätte die solchermaßen mit allen Wässerchen gewaschenen
Franzosen besiegen sollen?
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