LISSABON, 24. Juni. Théo trug das blaue Trikot mit der Nummer zehn, als er den Papa besuchte. Die beiden älteren Brüder und Mutter Véronique waren in Coimbra natürlich auch dabei. Während die anderen französischen Nationalspieler nach dem Sieg gegen die Schweiz noch den Fans in der Kurve zuklatschten, war Zindine Zidane schon zu den Liebsten auf die Tribünenseite gelaufen. Er nahm Théo in den Arm. Zwei Jahre ist der Knirps gerade alt geworden. Er kam drei Tage nach dem Champions League Finale zwischen Real Madrid und Bayer Leverkusen zur Welt. Der Vater hatte die Partie mit einem Volleyschuß entschieden, reiste dann von Glasgow über Madrid nach Marseille zur Geburt, um drei weitere Tage später nach Asien zur WM weiter zu düsen, kreischenden Teenagern und dem Blitzlichtgewitter der Fotografen entgegen.
Zidane führt ein Leben zwischen zwei Polen. Der Familienmensch mag den Rummel nicht besonders. Kein Journalist, der ihn nicht vors Mikrofon bringen möchte, kein Fan, der sich nicht mit ihm ablichten lassen will. Trotzdem bleibt er immer ruhig, normal und soweit möglich verfügbar. Wenn die Mannschaft dieser Tage mit dem Bus das Hotel in Santo Tirso zwischen Porto und Guimares erreicht, geht Zidane immer die paar Schritte zur Absperrung zurück, wo die Anhänger warten. Keiner schreibt länger Autogramme als er. Er weiß um die Verantwortung und seinen Stellenwert. Zu Kopf gestiegen ist ihm der Status nie.
"Seine Bescheidenheit ist echt", sagt Kollege und Freund Bixente Lizarazu, "genauso wie sein Respekt vor den anderen. Er ist eine Ikone und trotzdem gelingt es ihm, den Leuten gegenüber ein gutes Benehmen zu bewahren. Man kann sich die Erwartungen um ihn herum nicht vorstellen, den Druck, den er hervorruft und der ihn belastet. Das ist gar kein Druck mehr, das ist Unterdrückung, und das jeden Tag."
Ein Trikot für Beckham
An diesem Freitag führt Zidane Frankreichs Auswahl in Lissabon ins Viertelfinale gegen Griechenland (20.45 Uhr/ARD). Es ist sein vierzehnter Auftritt bei einer EM: Rekord. Er hat alles gewonnen, und die meisten Kollegen halten ihn für den besten Fußballer der Welt. Nachdem er seine Elf neulich per Doppelschlag in den Schlussminuten zum Sieg gegen England geschossen hatte, bat ihn David Beckham trotz des Schocks um das Trikot. Der Popstar des Fußballs weiß genau, dass seine eigene Popularität ungleich größer ist als seine Klasse auf dem Rasen. Bei Zidane hält sich beides die Waage. Beckham will sich das Hemd einrahmen lassen. "Ich habe es nur nicht unterschreiben lassen, weil es feucht war. Aber das hole ich in Madrid nach."
Dort spielen sie gemeinsam bei Real. Spaniens Hauptstadt ist für die Zidanes zur Heimat geworden, sie bauen dort gerade ein Haus. Nach der Karriere soll Zindine Botschafter des Klubs werden. Bis 2006 will er im Verein kicken. Ob es in der Nationalmannschaft weitergeht, hat er noch nicht entschieden. Es ist seine fünfte Endrunde. Zur EM 96 kam er geschwächt von einem Autounfall, bei der WM in Korea machte er verletzt nur neunzig Minuten mit. Immer wenn er in Form war, 1998 und 2000, gewannen die Franzosen. Auch diesmal ist er gut drauf. Aber Pirouetten für die Galerie kann er sich derzeit nicht leisten.
Die Equipe spielt mäßig, Zidane muß ihr ständig aus der Patsche helfen. Das ganze Gewicht lastet auf ihm. "Ich frage mich, ob er nicht zuviel macht", meint der frühere Abwehrchef Laurent Blanc, "oder machen die anderen zu wenig?" Es langt nicht mehr, geniale Pässe zu verteilen. Er muß Tore schießen und die Mitspieler führen. Die Vollversammlung, die er an der Mittellinie einberief, als die Elf gegen Kroatien in Rückstand geraten war, wird eines der starken Bilder dieser Europameisterschaft bleiben. Es ist der Moment der Machtübernahme.
Eigentlich wollte Zidane nie der Boss sein. "Didier Deschamps ist der Chef", sagte er vor ein paar Jahren, "ihm gefällt es zu reden, zu schimpfen, anzutreiben. Er ist ein Anführer. Ich bin nur einer, der die anderen inspiriert." Deschamps ist nicht mehr dabei, Blanc auch nicht, Desailly sitzt auf der Bank, nun ist er dran. Bisher konnte er sich nur eine kleine Verschnaufpause gönnen, nachdem Henry die Franzosen durch seine beiden Tore gegen die Schweiz in Sicherheit gebracht hatte. Zidane war der erste Streich gelungen, per Kopfball nach einer kurzen Ecke. Fast eine Kopie des ersten von zwei Treffern, die er am 12. Juli 1998 im WM-Finale gegen Brasilien erzielte. An jenem Abend wurde er berühmt. Sein Konterfei erstrahlte auf dem Pariser Triumphbogen, dazu die Worte 'Zidane prsident".
Vier Jahre zuvor hatte er zum erstenmal für Frankreich gespielt. Als 22-Jähriger wurde er in einem Test gegen die tschechische Republik eingewechselt und erzielte zwei Tore, was ihm nie zuvor gelungen war. Seine Eltern, Einwanderer aus Algerien, saßen damals in Bordeaux auf der Tribüne, genauso wie die junge Tänzerin Véronique, die ihm drei Söhne schenken sollte: Enzo, benannt nach seinem Idol, dem Uruguayer Enzo Francescoli, Luca und den kleinen Théo.
Am Morgen nach dem Spiel gegen die Schweiz saß die gesamte Familie im Gras hinter dem Mannschaftshotel. Andere profitierten vom Kurzbesuch der Lieben für einen Spaziergang durch den Ort, Zidane blieb im abgesperrten Garten, um dem Tohuwabohu zu entgehen. Am Mittwoch ist er 32 Jahre alt geworden. Er sieht zäh aus, sehnig, austrainiert. Den Schädel hat er sich frisch rasieren lassen. Wie ein Legionär, der sich noch einmal aufmacht
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