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Als Zidane erschien, wurde es Licht Kein anderer Fussballer wird in Frankreich so vergöttert wie Zinedine Zidane |
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Von Peter B. Birrer Wenn es noch eines Beweises bedurfte, warum Zidane in höchste Sphären gehoben wird - die Euro 2004 in Portugal lieferte ihn. Im Vorrundenspiel war Frankreich in Lissabon gegen England lange einem 0:1-Rückstand hinterhergerannt, bis sich die Ereignisse in der Nachspielzeit überstürzten. In der 91. Minute traf Zidane per Freistoss zum 1:1, und in der 93. Minute verwertete er einen Foulpenalty zum 2:1. Die Sportzeitung «L'Equipe» titelte mit grossen Buchstaben: «Z comme Zidane». Sie schrieb: «Wenn nichts mehr geht, bleiben das Talent des Artisten und der Wille des Captains.» In einer Kolumne tat der für Zurückhaltung bekannte frühere Verteidiger Laurent Blanc kund, dass der in grossen Rendez-vous präsente Zidane wie ein «Retter der Nation» erscheint. Die Zidane-Bewunderung im Hexagone, die fliessend in Überhöhung und Verklärung übergeht, hat viele Ursprünge. Der offensive Mittelfeldspieler, kurz «Zizou» genannt, prägte jene Equipe, die 1998 Welt- und 2000 Europameister wurde. Zu seinen stärksten Zeiten galt er als weltbester Offensiv-Fussballer, obschon aufbrausendes Verhalten und Platzverweise dem Image Schaden zufügten. Erinnert sei an den Kopfstoss, mit dem er den Gegenspieler Kientz im Champions-League-Spiel 2000 mit Juventus Turin gegen den HSV (1:3) attackierte, worauf der Täter für mehrere Spiele gesperrt wurde. Darüber sieht man geflissentlich hinweg. Doch die wundersame Zidane-Geschichte geht über den Rasen und Titelgewinne hinaus. Jedes Land brauche «lebende Götter», befindet die französische Trainerlegende Guy Roux. In Frankreich sei die Nummer 1 Abbé Pierre, der Kämpfer für Benachteiligte und eine Art «Gewissen der Nation». Gleich dahinter folge als Nummer 2 Zidane - nicht nur wegen des Ball-Zaubers. Zinedine Zidane ist algerischer Abstammung, spielte sich als «Yazid», wie sie ihn riefen, in rauer Atmosphäre auf den Strassen Marseilles hoch und gilt in einem Land, das eine koloniale Vergangenheit und ein Migrationsproblem hat, gemäss Roux als «Symbol der Integration». Zudem wirkt Zidane vor den Kameras und Mikrofonen zurückhaltend, sanft, in sich gekehrt - fast apathisch absolviert er Interview-Marathons nach Euro-Spielen. Nach einem Testspiel 2003 in Genf erscheint er mit offenem weissem Hemd und abweisendem Blick im Kabinengang, beantwortet nichtssagend zwei, drei Fragen, dreht sich um, posiert sich neben zwei Behinderten für ein Erinnerungsfoto - und entschwindet eskortiert in die Nacht hinaus. Perfekt, leicht, authentisch«Zidane ist ein perfekter Fussballspieler, steht für Leichtigkeit, wirkt authentisch und weiss, wo er die Wurzeln hat», äussert sich Günter Weigel, Global Director Football bei Adidas, über den langjährigen Werbepartner. Andere wie Beckham verkörperten den Glamour, «Zidane nicht». Ähnlich gelagerte Vermarktungsmöglichkeiten sieht Weigel derzeit im Milan-Spieler Kakà. Doch der Kreis ist eng. Die Ausgangslage hat dazu geführt, dass das, was seit der Euro 2004 rund um Zidane und die Equipe tricolore geschah, einmalig ist. Nach dem Aus an der Euro im Achtelfinal gegen Griechenland (0:1) und der Zukunftsfrage «Avec ou sans Zidane?» zögert der Captain wochenlang, eher er mit Brimborium den Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gibt. «Alles hat ein Ende, ich fälle keine halben Entscheide», sagt er. Die mediale Dramaturgie des Abschieds könnte besser nicht sein. Ankündigung auf der von seinem Sponsor Orange geführten Homepage, die ersten Fakten in der «L'Equipe», die den Boden bearbeitet für das exklusive Interview gleichentags im Privatsender Canal Plus, seit 1999 ebenfalls Zidane-Sponsor. Der Ablauf hat zwangsläufig zur Folge, dass die Gazetten abermals seitenlang über die auf Canal Plus geäusserten Gründe berichten. Kritik bleibt fast gänzlich aus. «Die Medien haben ein Produkt kreiert», sagt Guy Roux, «man braucht es. Und heute kann man die Ikone Zidane nicht mehr attackieren.» Zidane tritt zwar nach der Euro wie andere «Oldies» ab, bleibt aber präsent, weil die Bleus in der WM-Qualifikation unter dem neuen Trainer Raymond Domenech zu Hause gegen Irland, Israel und die Schweiz kein Tor erzielen und in Probleme schlittern. Im April 2005 keimen erste Comeback-Gedanken. Die «Versuchung Zidane» geht um, weil der Spieler verlauten lässt, dass die Nationalmannschaft das Schönste sei, das ihm beruflich passiert sei. Auf der Homepage bestreitet er die Rückkehrabsichten kategorisch: «Je reste sur ma décision.» Gemäss Weigel kam Zidane auch an einer Adidas-internen Veranstaltung nicht einmal andeutungsweise auf den Rücktritt zurück. «Damit war das Thema für uns erledigt», sagt Weigel. Nochmals vergehen Wochen, Domenech und den Zidane-Nachfolgern geht es nicht besser, die Stimmung sinkt, erstarrt, wird panisch, und der neue Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes spricht von einer «Katastrophe», sollte Frankreich die WM 2006 verpassen. Anfang August, ein Jahr nach dem «Adieu», erfahren Medienleute, dass Zidane auf seiner Homepage demnächst etwas «Wichtiges» verkünde. Was ansteht, ist die perfekte Inszenierung einer Rückkehr. Am 3. August gibt Zidane auf seiner Homepage das Comeback bekannt («J'ai envie d'aider l'équipe de France»), womit sich die täglichen Homepage-Zugriffe von durchschnittlich 4000 auf 80 000 erhöhen. Einen Tag später findet das obligate und exklusive Interview auf Canal Plus statt, begleitet von Abhandlungen und Gesprächen in der «L'Equipe» und dem Magazin «France Football», die sich gegenseitig mit Inseraten («Le retour du héros») bewerben. Der Fernsehsender TF 1, der die Länderspiele überträgt, stopft die Übertragung des Testspiels gegen Côte d'Ivoire prompt zu Höchstpreisen mit Werbung zu, was die Fernsehminuten vor, zwischen und nach dem Spiel schier unerträglich macht. Das Stadion in Montpellier ist innert 24 Stunden ausverkauft. Und ja: Frankreich gewinnt gegen Côte d'Ivoire - und Zidane erzielt ein Tor. Die Situation wird zu einer Win-win- win-Angelegenheit. Viele Interessen, noch mehr Gewinner. Biblische MetaphernZidane wird wie der Messias empfangen, die Terminologie in den Medien bedient sich biblischer Metaphern, von einer «Auferstehung», von einer «Erlösung» und von einer «Befreiung» ist die Rede, und der «L'Equipe»-Titel «La lumière est revenue» mahnt an den Satz: «Und es wurde Licht.» Der Betroffene selbst schürt das Mythische, indem er in einem Interview sagt, dass ihn eine Stimme «eines Nachts um drei Uhr» überzeugt habe. Rätselraten in den Medien. Hat der liebe Gott gesprochen? Nein, Zidane klärt - wiederum auf der Homepage - auf: Die geheimnisvolle Stimme gehört seinem Bruder. Die Vorgänge sind bizarr. Zum Beispiel gibt Zidane das Comeback bekannt, der Trainer und die Fédération sagen vorerst nichts oder nur ein Wort der Begrüssung. Zidane gibt auch die Rückkehr des Copains Makelele bekannt, der ihm auf dem Spielfeld den Rücken freihalten soll. Indirekt spricht er auch von Thuram, dem dritten im Bunde, der bald darauf ebenfalls zurückkehrt. Im Klartext: Zidane bestimmt die Jünger. Die gegenseitigen «Rückkehr-Bedingungen» sind offensichtlich, die Mediatisierung ist enorm. Haben die Sponsoren Druck gemacht? «Für uns spielt keine Rolle, ob Zidane ein paar Spiele mehr oder weniger hat. Er ist jeden Tag in den Medien», sagt Weigel. Viel wichtiger für den Ausrüster ist die WM-Teilnahme. Der Grund: Zidane an der WM im Land seines Ausrüsters. Wenn sich die Franzosen nicht qualifizierten, ist das laut Weigel «weniger erfreulich». Die Rolle des Nationaltrainers Domenech ist ein anderer Fall. Tatsache ist, dass er Zidane in Madrid besuchte. Aber wie viel Gewicht hatte Domenech bei der Umstimmung Zidanes? Wollte er sie überhaupt? Lange sagte er nach der Comeback-Eröffnung praktisch nichts, dann nur noch Lobendes. Die alten Neuen spielten und siegten, sofern nicht verletzt, gegen Côte d'Ivoire, gegen die Färöer und in Dublin gegen Irland. Der Auswahltrainer ist in einer diffizilen Lage. «Die Equipe war Anfang August auf dem 4. Rang. Domenech war gezwungen, hatte keine andere Wahl», sagt Roux, der Coach habe die «Equipe Domenech» im Kopf gehabt, aber die «Equipe Domenech» habe sich nicht entwickelt. Da genügte ein Wort Zidanes, um alles auf den Kopf zu stellen. Domenech habe ursprünglich «keine Lust auf Zidane» gehabt, ist sich Roux sicher. Raymond Domenechs Ende 2004 geäusserten Worte («Wenn alle die Trauer über die Vergangenheit einmal abgeschlossen haben, kommen wir weiter»), alle Lobreden auf die neue Generation lösten sich jedenfalls auf wie Schall und Rauch. Zu einem Interview mit dem neusten «L'Equipe Magazine» willigte Domenech unter der Bedingung ein, dass die (unmittelbare) Vergangenheit mit allen Polemiken nicht besprochen werde. Fünf Seiten, viel Philosophie - kein Wort über die Rückkehrer. Eine Frage lautet: «Wächst man als sélectionneur?» - Antwort: «Wenn lernen, das Maul zu halten, wachsen ist - ja, so bin ich gewachsen.» Jacques Santini, Domenechs Vorgänger, äusserte sich im April anlässlich eines Gesprächs in Lyon vorsichtig über teaminterne Zustände an der Euro in Portugal. Santini wird vorgeworfen, das Team nach der resultatmässig annähernd einwandfreien Vorbereitung an der Endrunde nicht mehr im Griff gehabt zu haben. Das mag sein. Doch aufhorchen lassen Santinis Worte, wonach sich eigene Dynamiken entwickelt hätten, wonach etwa im französischen Euro-Camp eine beachtliche Juventus-Verhandlungsdelegation von Trézéguet und Thuram empfangen worden sei. Und wonach noch ganz anderes vorgefallen sei . . . So wurde in Frankreich irgendwann der Ausdruck der «Republik der Spieler» geboren. Nach den Vorgängen zuletzt ist wahrlich nicht davon auszugehen, dass Domenech der König ist.
Warten, Rücktritt, Fast-Comeback, ComebackNach der Euro 2004 und dem Aus im Achtelfinal gegen Griechenland zeichnet sich in den Reihen der Bleus ein Generationenwechsel ab. «Und jetzt?», fragt «L'Equipe» auf der Titelseite. Während andere Spieler, die über 30 Jahre alt sind, ihren Abgang bekannt gegeben haben, schweigt Zidane (noch). Am 12. August tritt auch er zurück, was er gleichentags in einem Madrider Hotel gegenüber seinem Sponsor Canal Plus begründet («Alles hat eine Ende.»). Dabei bleibt er, bis Anfang April 2005 das «Equipe Magazine» erscheint, das 115 Seiten Zidane widmet. In einem Doppel-Interview sagt Hicham El-Guerrouj, der Mittelstreckenläufer aus Marokko, zu Zidane: «Du wirst einen dritten World Cup machen. Ich habe Vertrauen, dass du zurückkommst.» Der Fussballer will nicht darüber reden, sagt aber gleichwohl, dass die Landesauswahl «die schönste Sache» sei. Die Äusserungen haben Spekulationen zur Folge. «Wenn er zurückkäme?», titelt «L'Equipe». Doch der Umworbene sagt ab, er bleibe bei seinem Entscheid, lässt er sich auf der Homepage zitieren - «Voilà. Point». Vier Monate später ist alles anders, kein Fragezeichen und kein Konjunktiv mehr: «Il revient.» Er habe Lust, wieder zu leben, schiebt Zidane als Erklärung nach. Dass nicht nur der Zufall oder die Laune Zidanes Regie führten, darauf weisen konzertierte Aktionen wir jenes Inserat des Zidane-Sponsors Orange hin, das am Comeback-Tag geschaltet wird. Es ist die Euro-Werbung mit den Worten «Du hast uns so gefehlt!» Über den Ablauf der Entscheidfindung kursieren unterschiedliche Versionen. In den Ferien mit seiner Familie in Kanada seien die Gedanken gereift, sagt Zidane. (bir.) Höhepunkt 1998Wenn der zuletzt angeschlagene Zidane am Samstag in Bern gegen die Schweiz zum Einsatz kommt, spielt er das 97. Länderspiel. So oder so hat er einen langen Weg hinter sich. Zidane wird am 23. Juni 1972 als jüngstes von fünf Kindern in Marseille geboren. Sein Vater Smaïl war 1953 aus Algerien nach Frankreich ausgewandert. 1986 tritt Zinedine in das Centre de Formation von Cannes ein, 1989 debütiert er in der obersten Liga Frankreichs. 1992 wechselt er nach Bordeaux und 1996 nach Turin zu Juventus. In Italien wird er zweimal Meister, verliert aber auch zweimal den Champions-League-Final. 2001 wechselt er für 115 Millionen Franken zu Real Madrid. 2002 gewinnt er, der ein Traumtor beisteuert, mit Real gegen Leverkusen die Champions League. Der Mythos Zidane liegt nicht in den Klubs, sondern im französischen Nationalteam begründet. 1998 werden die Franzosen im eigenen Land Weltmeister, im Final gegen Brasilien erzielt Zidane zwei Tore. In der vom Schriftsteller Dan Franck verfassten Zidane-Biografie wird der World Cup 1998 mit Zidanes Aufstieg in Marseille verwoben. Bisweilen schwappen die Emotionen über. So soll der Captain Deschamps in der Kabine vor dem Final zu Zidane gesagt haben: «Nun bist du an der Reihe, es ist dein Spiel.» 2000 folgt der EM-Titel in Belgien/Holland. (bir.)
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